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Desinformationssystem
Eigentlich eine tolle Sache: Man schaut schnell mal online nach, über was die Bezirksverordneten zurzeit so diskutieren. "Allris" macht's möglich, das Bürgerinformationssystem der BVV Friedrichshain-Kreuzberg. Sitzungskalender, Anträge, Beschlüsse, Anfragen ? alles drin. Schöne, feine Internet-Welt: der Politiker kommt zum Bürger nach Hause.

Schön wär's. Genau wie dieses Blog hakt auch "Allris" ganz entsetzlich. Zum Beispiel würde der Exilkreuzberger wirklich gern wissen, was sich hinter der WASG-Anfrage "DS/0227/III Vermieten statt Abreißen" verbirgt. Auch der CDU-Antrag DS/0217/III mit dem schlichten Titel "01.05.2007 ? Maikrawalle" weckt Neugier. Bloß: Wohin man auch klickt, stets die gleiche Antwort: "Angefordertes Dokument nicht im Bestand".

Das ist ein wenig ernüchternd, liebes Bezirksamt, zumal vor inzwischen sehr vielen Wochen eine freundliche E-Mail auf das Elend hinwies. Vielleicht haben die Admins im Friedrichshainer Rathaus ja das gleiche Problem wie der Exilkreuzberger, dessen Arbeits- und Lebenszeit derzeit fast gänzlich von einem Projekt namens "Relaunch" verspeist wird (Er wird wunderschön, der neue tagesspiegel.de, echt!) Wie auch immer, ein wenig ungeduldig scheinen jetzt auch die Bezirksverordneten zu werden: Am 17. April wurde Antrag DS/0219/III eingereicht. Titel: "Informationen auf der Internetseite".



Showdown in Kreuzberg
Das hat lang gedauert. 5865 Tage nachdem der Exilkreuzberger das Recht zum demokratischen Kreuzchenmachen erlangt hat, darf er zum ersten Mal bei einem Bürgerentscheid mitmachen ? und dann gleich bei einem, den die Apologeten der direkten Demokratie von der CDU Friedrichshain-Kreuzberg initiiert haben. Am 21. Januar nämlich steht der Showdown an: Dutschke gegen Koch, Links gegen Rechts, Taz gegen Kurt Wansner.

Spannend. Wenngleich der Exilkreuzberger gestehen muss, dass er nicht ganz so doll aufgeregt ist wie damals, als er das allererste Mal wählen war. Bei der Bundestagswahl 1990, da war alles war neu. Das Land, die Wahlbenachrichtigung im Briefkasten, Lafontaine auf dem Marktplatz, das Wahllokal im alten Kindergarten, der Stimmzettel. Nur das Wahlergebnis am 2. Dezember war das gleiche wie immer. Schwamm drüber, Kohl ist Geschichte. Und Lafontaine ebenfalls.

Die beiden, um die es jetzt geht, allerdings auch: Johann Jacob Koch, Bäcker, stellvertretender Bürgermeister und Namensgeber der Kochstraßen in Kreuzberg und Mariendorf, segnete vor über 255 Jahren das Zeitliche. Rudi Dutschke, Ikone der Studentenbewegung und Attentatsopfer eines scharf gemachten Rechtsradikalen, starb 1979. Jetzt sind sie von den Toten auferstanden, denn Koch soll für Dutschke ein paar Hundert Straßenmeter räumen.

Seither tobt der Kampf der Ideologen, als hinge Berlins Schicksal von dem Straßenstück ab. Anführer der Straßenschlacht sind Zwei, die ein wenig Publicity gut gebrauchen können: Auf der einen Seite die Taz, die Papier und Web tagein, tagaus mit der Erklärung bepflastert, dass mit "Nein" stimmen muss, wer für Dutschke ist. Auf der anderen Seite üben sich Kurt Wansner und seine dahinsiechende Friedrichshain-Kreuzberg-CDU (8,7% Stimmanteil bei der letzten Wahl) in den Disziplinen Volkswirtschaft (180 Euro für neue Straßenschilder und natürlich neue Visitenkarten, Briefbögen, Adressaufkleber für die Anwohner), Traditionspflege ("Sollen wir so mit Vorbildern [Johann Koch] umgehen?") und Panikmache ("Ihre Straße könnte die nächste sein!"). Berlin voller Dutschke-Straßen? Eher nicht. Aber ein paar Meter können nicht schaden.

Der Exilkreuzberger wird sein Kreuzchen machen ? auch wenn er sich für seinen ersten Bürgerentscheid ein besseres Thema gewünscht hätte. "Tram nach Kreuzberg?", "U1 bis zum Frankfurter Tor?" oder irgendwas anderes, was Kreuzberg und Friedrichshain endlich anständig miteinander verbindet.


Wie es mal war
Ein schönes Weihnachtsgeschenk für Friedrichshainer und Sympathisanten: Ralf Schmiedeckes neuer 127-Seiten-Fotoband über den Stadtteil im vergangenen Jahrhundert. Darin: nicht nur Bilder aus dem Vorkriegs- und Nazi-Friedrichshain sondern auch allerlei Fotos von DDR-Bauwerken, die schon vor der Wende wieder abgerissen werden mussten ? das Schwimmstadion im Volkspark, zum Beispiel, oder die Sporthalle auf der Stalinallee. Auch ziemlich beeindruckend: Ein Foto vom Samariterkiez aus dem Jahr 1904: Ganze zwei Gebäude stehen damals auf der Wiese: die Samariterkirche und die Messel-Anlage.

Einziger entdeckter Fehler bislang: Ein Bild vom Kino Intimes wird auf 1985 datiert ? was zwar zu dem (wunderschönen) Ford Taunus im Vordergrund passen mag, weniger aber zu dem Wahlplakat im Hintergrund (?Liste 3?). Zumindest behauptet mein Reservoir an Zeitzeugen, dass es solche Plakate erst fünf Jahre später gab.

Wie auch immer: Ein schönes Buch ist es allemal. Ach ja: Von Kreuzberg gibt?s natürlich auch eins.



Pöbelfreie Zone Friedrichshain?
Ein kleiner Vorfall sorgt für große Diskussion: Jugendliche im BVG-Bus, Schuhe auf den Sitzen, eine simple Aufforderung, sie herunterzunehmen, und als unmittelbare Replik: Drohgebärden, Beschimpfungen, Pöbeleien. Erlebt und aufgezeichnet von einem Tagesspiegel-Kollegen, verbunden mit der Frage: Was tun in solchen Situationen? Mund halten oder einmischen? Wegsehen oder Courage zeigen? Seither stapeln sich in diesem und weiteren Artikeln die Leserkommentare. Jeder hat sie schon erlebt, Jugendliche, die von Null auf Hundertachtzig kaum zwei Sekunden benötigen. Empörung entlädt sich, zu Recht.

Das Bild allerdings, das die Kommentare zeichnen, hängt schief. In bald jedem zweiten Forumsbeitrag wird von ausrastenden Türken, Arabern oder beidem berichtet. Schauplätze sind Kreuzberg, Neukölln, Wedding. Pöbeln ist Migrantensache, so scheint's.

Die Realität sieht anders aus. Meine zumindest. In Friedrichshain zum Beispiel pöbelt es sich quer durch alle Altersschichten ? deutsche Jugendliche in der Schreinerstraße, deutsche Glatzen an der Frankfurter Allee, deutsche Mittdreißiger am Boxhagener Platz, deutsche Punks in der Rigaer, deutsche Penner in der Bänschstraße. Was alle vereint: ein stattlicher Alkoholgehalt im Blut und eine Sicherung im Hirn, die exakt einen falschen Satz vom Durchbrennen entfernt ist.

Ärger, Stress und Pöbelei gab's in Kreuzberg auch, natürlich. Trotzdem empfinde ich meine acht Jahre dort im Vergleich zu den eineinhalb in Friedrichshain als geradezu beschaulich. Was die Friedrichshainer "Stressbrigaden" so viel nerviger macht als die Kreuzberger? Keine Ahnung. Vielleicht ihre Omnipräsenz in Sommernächten. Vielleicht aber auch nur ihr ? zumindest subjektiv ? unfassbar hoher Alkpegel.


So eine PARTEI, lieber Riza A. Cörtlen,...
... ist schon eine wahnsinnig lustige Einrichtung, nicht wahr? Besonders dann, wenn man bei eben jener PARTEI als lustiger Kreuzberger Direktkandidat mitmachen darf. Da haut es sich so richtig schön auf den Putz, und wenn's mal daneben geht, dann war's halt nur ein Spaß.

Eine Sache interessiert dann aber doch: Warum ist Ihr Parteiorgan Titanic immer so schön erbarmungslos mit seiner Kritik, wenn irgendwelche Provinznasen und Hinterbänkler mit Nazi-Sprüchen daherkommen, während man Sie auf der Internetseite kandidatenwatch.de folgendes schreiben lässt: "Wir setzen uns dafür ein, daß zu gegebener Zeit die Politiker der herkömmlichen Altparteien persönlich an den Laternen hängen." Nur ein Spaß? Haha! Der Schenkelklopfer ist Ihnen gelungen. Gilt das Schwammdrüber über die Vergangenheit dann ab sofort auch für die Titanic?


Terror am Boxi [Update]
Neues von der "Stress-Brigade" am Boxhagener Platz: Jetzt hat auch die Polizei bestätigt, dass eine ca. 15-köpfige Gruppe dort regelmäßig für Stress sorgt - und zwar schon seit März 2005! Ihre Delikte: Körperverletzung, Drogenhandel, Einschüchterungsversuche. Ihr schlichtes Motto: "Das ist unser Platz".

Die Gruppe sei nicht organisiert und "eher unpolitisch", heißt es. Es handele sich Deutsche im Alter von 30 bis 45 Jahren, die allesamt schon früher durch Gewaltdelikte aufgefallen seien. Die Polizei ordnet sie der "Trinker- und Betäubungsmittel-Szene" zu.

Vier "Haupträdelsführer" haben die Beamten ausgemacht - und zwei davon unlängst festgesetzt. Allerdings nicht wegen irgendwelcher Straftaten am Boxi sondern aufgrund älterer Haftbefehle. Das Paradoxe ist nämlich: Zu den Delikten am Boxhagener Platz gibt es überhaupt keine Anzeigen. Zwar werden bei der Polizei viele Beschwerden vorgebracht, doch Anzeige wird nie erstattet. Die Einschüchterungstaktik der "Stress-Brigade" scheint aufzugehen.

Wie's weitergeht am Boxi, darüber soll am 5. September ab 19:30 Uhr im "Drugstop" in der Seumestraße diskutiert werden. Auch die Kripo wird da sein.



T-Wort in F-Hain
Berliner Woche vom 23.8.2006Hallo, da bin ich wieder. Und gleich mit einer schlechten Nachricht: "Terror am Boxhagener Platz". So meldet es die gestrige Friedrichshain-Ausgabe der "Berliner Woche" und zeigt damit, dass in diesen Zeiten wirklich keine Zeitungstitelseite ohne das T-Wort auskommt.

Terror am Boxi, also. Die Terrorzelle: eine 15-Mann-Gruppe, "die sich die 'Stress-Brigade' nennt." Sie kokeln, pöbeln, prügeln, berichtet die "Berliner Woche". Und dann kommt ein Satz, der aufhorchen lässt: "Opfer der Bande waren bisher meist Obdachlose." Obdachlose? Das klingt nicht mehr nach dem üblichen Rabatz am Boxi. Wer pöbelt Obdachlose an? Sind da etwa Neonazis am Werk? Bloß: Seit wann nennen sich Neonazi-Schläger "Stress-Brigade"?

Viele Fragen, auf die bis dato übrigens auch die Polizei keine Antwort weiß. Dort war auf Nachfrage weder der "Terror am Boxhagener Platz" noch die "Stress-Brigade" bekannt. Auch von mehreren Leicht- und einem Schwerverletzten, die im Bericht der "Berliner Woche" erwähnt werden, war auf der Pressestelle nichts bekannt. Aber das muss ja nichts heißen.

Was ist also wirklich los am Boxhagener Platz? Wer?s weiß, darf?s hier gern kundtun.


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Originally uploaded by exilkreuzberger.


... und dabei niemanden vergessen - Café Anastasias Beitrag zur WM. Multikulti in Friedrichshain.




Nur mal nebenbei...
... weil's hier schon so oft Thema war: "Alltagsrassismus" ist definitiv kein exklusives Ost-Phänomen. Beispiel gefällig? Dann bitte das lesen.



Komm zurück!
Liebe Sparkasse, ich habe in Berlin ja schon an so einigen Orten gewohnt. Genaugenommen an diesen:

Charlottenburg: vier Monate,
Oberschöneweide: drei Jahre (kein Scherz!),
Kreuzberg 61: vier Jahre,
Kreuzberg 36 vier Jahre.
Und seit einem Jahr also Friedrichshain.

Seit meiner ersten Woche in Berlin bin ich dir treu verbunden, wenn ich auch zugeben muss, dass ich damals in Charlottenburg nur deshalb ein Girokonto bei dir eröffnet habe, weil kein Geldautomat näher war als deiner. Auch bei allen anderen Wohnungen war das so, sogar in Oberschöneweide! Und bis vor kurzem auch in Friedrichshain. Bis zu dem Tag, an dem du mit deiner Filiale und sämtlichen Geldautomaten von der Frankfurter Allee ins Ring-Center 1 gezogen bist. Ins Ring-Center! Ausgerechnet. Nicht nur, dass du damit das zweithässlichste und zweitfurchtbarste Einkaufszentrum Berlins (nach dem Ring-Center 2) erwischt hast, nein, das Ring-Center 1 liegt gefühlt in Lichtenberg. Und dorthin kannst du deine Friedrichshainer Kunden doch nicht ernsthaft schicken wollen, oder?

Es gibt eine Lösung. Sie ist unmittelbar verknüpft mit dem Ende des Schrippenkriegs hier im Samariterkiez: Einer der beteiligten Bäcker hat kürzlich die bedingungslose Kapitulation eingereicht, und das, liebe Sparkasse, ist deine Chance: Die verlassenen Räumlichkeiten sind wie für dich gemacht. Sieh selbst:



Na, ist das nichts? Hab also bitte ein Einsehen mit uns (oder meinetwegen auch: mit mir) und miete dich in der Bänschstraße Ecke Samariterstraße ein. Ich komm? dich besuchen, versprochen.

Hoffnungsvoll,
Der Exilkreuzberger



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